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"Kveithaill"

Früher, vor langer, langer Zeit, bevor es Fernsehen, Radio und aus Südnorwegen eingeflogene Zeitungen gab, waren die Menschen hier in Nordnorwegen Wind und Wetter und mussten daneben ihren eigenen Beobachtungen vertrauen und hieraus ihre eigenen Schlüsse ziehen, wenn es um das Überleben in dieser entlegenen Region ging.

Und so kam es, dass man sich der Bedeutung des „kveithaills" bewusst wurde. Diese durchaus angenehme Beschäftigung stellte sicher, dass man den größten und fettesten Heilbutt an den Haken bekam. Der Heilbutt konnte dann wiederum gegen Kaffee, Tabak und andere lebensnotwendige Dinge eingetauscht werden.

So gesehen hat sich eigentlich wenig geändert, abgesehen davon, dass die alten Nordnorweger keinerlei Naturkostfanatiker oder Gesundheitsminister kannten, die einem von den Gefahren derartiger Genussmittel berichten konnten. Man wusste noch nicht, dass Tabakkonsum tödliche Folgen haben konnte und dass man von zuviel Kaffee Magengeschwüre bekommen konnte. Die Menschen lebten damals in glücklichem Unwissen und waren sich der Gefahren nicht bewusst.

 Die Menschen hatten damals genug Energie, sich selbst im hohen Alter noch ausreichend „kveithaill" zu beschaffen. Ja, mehrere Alte, mit denen ich sprach, berichteten sogar davon, dass sie sich mit „kveithaill" eindeckten, selbst wenn sie gar nicht zum Heilbuttfischen fahren sollten. Und das sagt ja einiges über den Gesundheitszustand dieser aussterbenden Generation...


Copyright © 2004, Elisabeth Kokkin

Wie der Begriff „kveithaill" eigentlich zustande kam, ist all die Jahre lang hinter einem Schleier aus Scham verborgen geblieben, den wir Nordnorweger entwickelt haben, ob man das nun glaubt oder nicht.

Man spricht offen und ehrlich über das meiste, aber wenn ein Glückspilz auf See war und den lange ersehnten Heilbutt erbeutet hat, weiß jeder sofort, was der Fänger die Nacht zuvor getrieben hat, ohne das man die Akt... das näher beschreiben braucht.

Ist der Fischer verheiratet, ist die Sache eindeutig. Ist er aber ledig, braucht man nur darauf zu achten, welches Mädchen errötet, sobald sich die Neuigkeiten verbreiten. So gesehen ist so manch' weibliches Wesen in den Fischerdörfern Nordnorwegens errötet wie eine frischgekochte Garnele, dies gilt sowohl heute als auch damals.

Eine genauere Erklärung des Begriffes „kveithaill" kann ich hier nicht geben, ohne die Grenzen des Anständigen zu überschreiten, aber wenn Du, lieber Leser, genauso ein scharfer Beobachter wie die alten Nordnorweger bist, hast du sicher auch etwas Erfahrung mit „haill" und Anglerglück....

Ich behaupte jedenfalls, dass es viel mehr Spaß bringt, diese Kunst auszuüben, als damit Zeit zu verschwenden, nur  darüber zu reden.

Alle, die nach Sørøya kommen, um ihr Glück mit Rute (und Pilker) zu versuchen, sollten gut in der Kunst des „haill" geübt sein. Dann geht auch garantiert etwas an den Haken. Heilbutt, natürlich.

Ich glaub', ich geh' schlafen. Der Alte soll morgen auf See. Ich muss wohl etwas Einsatz für das morgige Mittagessen bringen. Hab' richtig Lust auf - ja, genau....Heilbutt......